Mensa bald im Freien?

Der Abriss der Mensa-Nassestraße und die möglichen Zwischenlösungen

An vielen Studierenden ist es bis jetzt vorbei gegangen, aber genau wie die Campusmensa in Poppelsdorf soll nun auch die Mensa in der Nassestraße erneuert werden. Dem ganzen Mensagebäude inklusive dem AStA steht der Abriss bevor. Schon lange laufen die Verhandlungen zwischen der Universität, der Stadt und dem Studierendenwerk darüber, wie es nun weitergehen soll. Geplant ist der Abriss für das Frühjahr 2020, geplante Sanierungsdauer: 3 Jahre. 3 Jahre in denen die Studierenden von Juridicum, Hauptgebäude und Co., von vier der sieben Fakultäten, wo essen gehen?

Genau das ist die entscheidende Frage, die im Moment die Gemüter bei allen drei Partnern erhitzt. Das zuständige Komitee hat sich inzwischen für den Entwurf eines Architekten entschieden, die Pläne liegen vor. Was immer noch nicht vorliegt, ist die Interimslösung, der Ort, wo die Mensagängerinnen und Mensagänger in Zukunft hingehen können.

Wie auch in Poppelsdorf ist ein mehrstöckiges Zelt geplant, welches die Essensausgabe für die Zeit der Sanierung beherbergen wird. Das Problem an dieser Stelle: Wo soll dieses Zelt stehen?

Lange Zeit wurde dieser Punkt zum Zankapfel zwischen Universität, Stadt und Studierendenwerk. Bisher wurden als Standort gehandelt die Wiese beim Alte Zoll, die Grünfläche vor der ULB, der Parkplatz des Juridicums, das hintere Ende des Hofgartens vor dem akademischen Kunstmuseum und der Kaiserplatz. Abgelehnt wurden diese Alternativen alle von Universität oder Stadt aus den üblichen Gründen: Sanierungsmaßnahmen, Denkmalschutz, dadurch fehlende Mieteinnahmen, dem Beethoven-Jubiläum 2020 oder dem zerstörten Blick auf großartige Sehenswürdigkeiten der Bundesstadt.

Unterdessen schreitet die Zeit immer weiter fort und unklar bleibt weiterhin, wie zahllose Studierende pro Tag versorgt werden sollen. Nach einem offenen Brief des Studierendenparlamentes an die Streithähne hat die Uni die Angelegenheit jetzt zur „Chefsache“ erklärt. Die drei Parteien arbeiten konstruktiv zusammen, um eine Lösung zu finden. Mögliche Standorte zum jetzigen Zeitpunkt sind das Ende der Hofgartenwiese, der Parkplatz neben oder die Rasenfläche vor der Bibliothek.

Wie sich diese konstruktive Arbeit entwickelt und zu welchen Ergebnissen die Bemühungen im wiederholten Anlauf kommen werden ist noch offen. Für alle Mensagänger*innen bleibt es weiterhin spannend. Wird er oder sie bald unter freiem Himmel essen gehen müssen oder ganz leer ausgehen?

Studierendenwerk wird weiter True Fruits Produkte verkaufen

Vor kurzen hat sich die des Friedrichs-Wilhelm Redaktion mit dem aus Bonn stammenden Unternehmen True Fruits befasst. Dabei stand der in der Werbung reproduzierte Rassismus und Sexismus, sowie weitere Diskriminierungsformen im Fokus unserer Aufmerksamkeit.
Unsere Kritik konzentrierte sich auf den weiteren Vertrieb der Produkte True Fruits, nachdem es nicht nur deutschlandweit, sondern auch in Österreich und der Schweiz viele kritische Stimmen gab. Auch das Studierendenwerk Bonn unterstützt True Fruits durch den Verkauf deren Produkte.

Trotz der diskriminierenden Werbestrategie sollen die Produkte True Fruits weiter in Räumen des Studierendenwerks angeboten werden, so das Studierendenwerk auf die Presseanfrage der Friedrichs-Wilhelm hin. Man unterstütze damit keine Diskriminierung.
Seit der Gründung des True Fruits Start-Ups ist das Studierendenwerk pragmatischer Unterstützer der Smoothiemarke. Die diskriminierende Werbung würde beobachtet, aber sei nicht ausschlaggebend für eine Vertragsänderung mit dem Unternehmen. Eine aktive Bewerbung finde nicht statt.
Mit ihrer Diversität rechtfertigt das Studierendenwerk die Zurückweisung sämtlicher von der Redaktion formulierten Vorwürfen.

Die ausführliche Presseanfrage und die Stellungnahme des Studierendenwerks kann auf unserer Facebook-Seite nachgelesen werden.

Foto: Ronny Bittner

Des Friedrichs Wilhelm Nr. 51

Onlineausgabe

Liebe Leserinnen und Leser,

Dies ist die letzte Ausgabe der FW im Sommersemester 2019. Die nächste Printausgabe erscheint am 14. Oktober 2019, aber bis dahin könnt ihr online auf unserer Webseite sowie auf Facebook und Instagram regelmäßig von uns lesen.

In dieser Ausgabe erwarten euch nun unter anderem ein Essay über den Beethovenkult in Bonn, ein Artikel über Studierendenwohnheime, eine Analyse der Werbestrategien von der Bonner Firma True Fruits und viele weitere (für euch hoffentlich auch) interessante Artikel.

Viel Freude beim Lesen wünscht die Redaktion!

Hier gehts zur 51. Ausgabe der FW

Des Friedrichs Wilhelm Nr. 50

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Onlineausgabe

Liebe Leserinnen und Leser,

Thema dieser Ausgabe ist vor allem, aber nicht ausschließlich, Europa. Es erwarten euch eine Analyse der Europawahl, ein Beitrag zu Frauenrechten in der Europäischen Union, ein Kommentar zu Wahlwerbung sowie ein Artikel zu Diskriminierung im Theater. Außerdem enthält die aktuelle Ausgabe noch den ein oder anderen spannenden Artikel, der hier nicht explizit genannt wurde.

Viel Freude beim Lesen wünscht die Redaktion!

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Des Friedrichs Wilhelm Nr. 49

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Onlineausgabe

Liebe Leserinnen und Leser,

Die neue Ausgabe des FW ist erschienen und wir möchten sie euch selbstverständlich auch als Webversion zugänglich machen. Es erwarten euch unter anderem Artikel über das Selbstverständnis der Redaktion, eine Analyse mit einem anschließenden Kommentar über die Junge Alternative (JA), der Parteijugend der AfD, und viele mehr.

Viel Spaß beim Lesen wünscht die Redaktion!

Hier geht es zur 49. Ausgabe des FW

Konfrontation mit dem Paradox der Toleranz – ein Kommentar

Warum ein Vortrag eines Redners niedergeschrien wurde und das eventuell gar nicht so irre und irrational ist wie es sich erstmal anhört.

Am 16.05.2019 wurde in Hörsaal VIII des Universitätshauptgebäudes ein geplanter Vortrag des rechtskonservativen Aktivisten und Politikers (REKOS) Alexander Tschugguel von einer Gruppe überwiegend studentischer Veranstaltungsbesucher*innen über die volle Länge der Veranstaltung hinweg niedergeschrien. Tschugguel ist Frontmann von „Demo für Alle“, einem Aktionsbündnis, welches unter anderem vor den Gefahren der „Frühsexualisierung“ in Schulen warnen möchte und landesweit Stimmung gegen jeden Menschen macht, der sich nicht sexuell hetero orientieren und sich als cis identifizieren möchte. Nach etwa einiger Zeit griff Tschugguel zur Kreide und füllte den mittleren Teil mit Großbuchstaben: MEINUNGSFREIHEIT. Er setzte seinen Vortrag dann mit einer Gruppe von fünf Personen am rechten Rand der dritten Reihe fort. Zwei Meter hinter der vorderen Reihe war er schon unhörbar. Im Vorfeld der Veranstaltung wollte man den bunten, mit Transparenten und Pride-Flags dekorierten Haufen von Besucher*innen nicht so recht in den Raum lassen. Man ahnte wohl, was passieren würde. Man begründete die Zutrittsverweigerung mit Brandschutzvorgaben. In HS VIII hatte ich schon philosophische Vorlesungen erlebt. Bei einer Erstsemesterveranstaltung zum Thema Platon saßen Menschen auf Fensterbänken, Schößen und dem Boden. Dem Brandschutz zum Trotz.
In einer Gesellschaft, in der alles über sein Produkt definiert wird, fragen viele nach dem Wert der Philosophie. Nach mancher Meinung ist dieses „Produkt“ die Antwort auf dringende Fragen oder besser der Bereich, der Anstöße liefert, sich selber wiederum die richtigen Fragen zu stellen. Alles, um das große Mysterium zu klären, welches wir den Menschen nennen. Die Philosophie verkauft und leistet gedankliche Klarheit als gesellschaftlichen Mehrwert. Die Frage, warum eine überwiegend akademische Veranstaltungsbesucher*innenschaft (die deutsche Sprache ist toll!) einen Vortrag niederschreit statt sich argumentativ mit ihm auseinander zu setzen, ist eine Frage, die bei vielen auch nach einer solchen, klaren Antwort schreit. Vorweg gesagt kommt kaum eine gute philosophische Ausführung ohne die konstante Benennung von Referenzen aus. (Es sei denn natürlich man heißt Ludwig Wittgenstein.) Aber die eigentliche Referenz, die ich, nicht nur zur Ehrenrettung des weißen österreichischen Mannes, in diesem Artikel anführen möchte, ist der 1902 in Wien geborene und 1994 in London verstorbene Philosoph Karl Popper. Popper mag einigen eventuell aus der Wissenschaftstheorie ein Begriff sein, in welcher er das empirische Falsifikationsprinzip zur Profilierung der Wissenschaft begründet hat. In seiner politischen Philosophie ist Karl Popper für viele Linke der Generation unserer Eltern eine schwierige Herausforderung und diese Tendenz reicht bis in die heutige Zeit nach. Popper entfaltete seine Theorie als radikale Metaphysikkritik in einer Zeit, in der diese Art des Denkens in voller Blüte stand. Sein Modell ist hierbei das der offenen Gesellschaft und die Verteidigung dieser gegen feindliche Angriffe. Poppers Philosophie des kritischen Rationalismus ist mit dem noch weitaus radikaleren Positivismus anderer Denker*innen zwar mitnichten gleichzusetzen, aber seine Ideologiekritik setzt ausgerechnet auch an den Säulen dessen an, worauf sich die geistigen Fundamente der Linken in den 70er Jahren bis heute ihre Festungen der Gesellschaftskritik erbaut haben. Die Psychoanalyse bei Freud und der Marxismus, insbesondere mit seiner Annahme des Historismus werden von Popper vehementer Kritik unterzogen. Er markiert diese Theorien allesamt als empirisch gehaltlose, gefährliche metaphysische Spekulationen. Ihre Stabilität speisen sie für Popper aus sich selbst, sind somit bemüht sich zu rechtfertigen, tun dies allerdings rein zirkulär. Sie disqualifizieren sich darum als wissenschaftliche Theorien, weil sie nicht für Kritik von außen zugunsten wissenschaftlicher Weiterentwicklung offen sind und die Bedingungen ihres Scheitern selber nicht beinhalten. Ein Urteil, welches vernichtend ist, wenn man von einem strikten Positivismus inspiriert ist.
In Gesprächen merkt man schnell, dass der kritische Rationalismus für viele Linke durchaus unangenehm ist, präsentiert er sich für sie auch als eine Art Zertrümmerer ihrer liebsten Metaphysik. Mein Plädoyer ist an dieser Stelle, sich durchaus auch mal mit dieser Herausforderung zu beschäftigen, oft sind diese Zertrümmerer*innen, welche die Fundamente des absolut sicher geglaubten erschüttern, ja die intellektuell fruchtbarste Lektüre.
Tatsächlich birgt Poppers Totalitarismuskritik aber in vielen Elementen große Chancen für die politische Auseinandersetzung der Linken mit alledem, womit man heute so von Seiten des Rechtsradikalismus konfrontiert ist. Der Fallibilismus ist das vielleicht schärfste Schwert gegen die wüsten Verschwörungstheorien des deutschen Besorgtwichtels unserer Tage. Es wirkt gerade so, als sei es für den intellektuellen Kampf wider das kontrafaktische Zeitalter geschmiedet worden und hätte nur darauf gewartet, genau jetzt gezogen zu werden. Probieren Sie es aus.

Das Paradox der Toleranz

Im ersten Band seines Werkes „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ eröffnet Popper uns eine Perspektive, warum das, was am 16.05 in Hörsaal VIII passiert ist, eben nicht als Barbarei und faschistoide Praxis zu markieren ist, sondern gerade als prophylaktische Abwehr derselben gelesen werden könnte.
In seiner Abhandlung über das „Paradox der Toleranz“ warnt Popper vor einer allzu freigiebigen Interpretation und Anwendung der Toleranz, insofern sich diese auch auf die „Meinung“ derer ausweitet, welche darin die legitime Freiheit anderer lediglich negieren wollen. Er macht deutlich, dass der Versuch, Intoleranz mit Toleranz zu begegnen, einem Widerspruch zum Opfer fallen würde. Ich versuche aufbauend auf dem Konzept dieses Gedankens die Prozesse in HS VIII zu interpretieren.
Wer in HS VIII ab 20 Uhr reden wollte, befand sich mit seiner Agenda außerhalb dessen, was man als argumentativ satisfaktionsfähig bezeichnen kann. Ein Blick in das Programm des Projektes „Demo für Alle“ macht deutlich, dass es sich bei dem Vortrag, wäre er hörbar gewesen, um schiere Demagogie gehandelt hätte. Der Kampf radikaler Abtreibungsgegner*innen ist nur am Rande der um ungeborenes Leben: Was diese politischen Kräfte bei Veranstaltungen wie dem ‚Marsch für das Leben‘ auf die Straße treibt, ist keine Abwägung zwischen dem Recht der Frau auf körperliche Selbstbestimmung und dem Recht eines Fötus auf Unversehrtheit, wie sie in einer philosophischen Debatte zum Thema angestellt werden kann. Ersteres Recht wird implizit oder gar explizit von diesen Menschen geleugnet und für die Gesellschaft sogar als schädlich erachtet. Christliche Fundamentalist*innen rechtsradikaler Prägung wollen die Gesellschaft totalitär in einen Jahrhunderte zurückliegenden Zustand transformieren, in welchem der Frau eine feste ontologische Position und Funktion zugewiesen wird, nämlich die von Hausfrau und Mutter. Demokratie und persönliche Freiheitsrechte werden dabei als zu vernachlässigende oder gar zu überwindende Faktoren betrachten: Führende Teile der REKOS sympathisieren ernsthaft mit der Idee, zur Monarchie zurückzukehren.

Was wir bei solchen Veranstaltungen erleben, ist ein Angriff auf jeden Wert der offenen Gesellschaft unter Berufung auf ihre eigene Werte, welche allerdings immer nur selektiv für die eigene Person geltend gemacht werden, um sie im Zuge dessen anderen abzusprechen. Konkreter: Werte wie die Meinungsfreiheit, welche Alexander Tschugguel trotzig für sich einforderte, speisen sich aus dem Schutzanspruch des Individuums, eine Entfaltung seiner eigenen Persönlichkeit zu vollziehen. Sie gehören zur selben Gruppe von grundlegenden Rechten wie das Recht auf die selbstbestimmte Gestaltung der eigenen Sexualität oder das Recht auf die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Beides aber wäre, und das zu prognostizieren ist keine Wahrsagerei, an diesem Abend von einem hörbaren Tschugguel auf vermutlich ekelhafte Weise missachtet worden. Dabei hätte sich seine Argumentation mit mehr oder weniger großem rhetorischen Geschick als pseudowissenschaftlich legitim präsentiert. Seit der frühesten Stunde philosophischer Diskurse, der Auseinandersetzung Platons mit den Sophisten, wissen wir aber, dass es essentiell darum geht, hinter die Fassade der Rhetorik zu blicken, um die tatsächliche Agenda einer Person zu demaskieren. Tschugguel hat keine Meinung, die er als konstruktiven Beitrag in den Prozess eines geistigen Entscheidungs- und Willensbildungsprozesses einbringen kann. Solche Vorträge sind frei von edukativem und pädagogischen Wert. Das Denken ist hier keines des modernen logischen Schließens und Urteilens, sondern ist geprägt von mythischem Tabudenken und religiösem Dogmatismus. Die Themen Schwangerschaftsabbruch und auch das Thema sexuelle Identität sind philosophisch interessant und absolut nicht einfach. Mit Vertretern der REKOS ist aber kein würdiger Diskurs über diese Themen möglich.
Tschugguel hat keine Meinung, er hat Hass. Hass auf die Moderne, Hass auf homo-, bi- und pansexuelle Menschen, Hass auf Inter* und Trans*-Personen, Hass auf Nichtchrist*innen und vor allem Hass auf die Tatsache, dass die Gesellschaft zunehmend zu einer größeren Offenheit gegenüber diesen Phänomenen kommt und zumindest die groben formellen Arten der Diskriminierung dieser Menschen heute außer Kraft gesetzt werden. Er mag eventuell diesen Hass selber nicht als solchen reflektieren, aber alles, was er tut ist davon angetrieben. Im Kern sind solche Demagog*innen keine Konservativen, sie sind reaktionär. In ihrer idealen Welt besitzen Frauen, Homosexuelle einfach nicht dieselben gesellschaftlichen Rechte wie Cis-Männer.
Menschen wie Tschugguel sind in meinen Augen Rechtsradikale: Wer ihnen die Möglichkeiten und Freiheiten der offenen Gesellschaft einräumt, indem man ihnen an einer Universität ein Forum für die Verbreitung ihrer reaktionären Ansichten gibt, wird schnell merken, dass sie diese Chance nur nutzen, die Gesellschaft und das politische Klima in eine Richtung zu transformieren, welche Andersdenkenden diese Freiheiten nicht mehr einräumen würde.
Dies ist keine Sorge, die sich aus einer rein metaphysischen Überlegung speist, sondern sie bezieht sich auf eine messbare Realität unserer historischen Vergangenheit und Prozesse die jetzt gerade wieder im europäischen und außereuropäischen Ausland stattfinden, wo rechte Parteien, Meinungsfreiheit einfordernd, den Marsch durch die Institutionen gehen wollen, nur mit dem Ziel, diese alsbald abzuschaffen.

Wem steht es zu, welche Gewalt gegen Extremist*innen anzuwenden?

Selbstverständlich wäre es einfach gewesen, einen hörbaren Vortrag von Alexander Tschugguel argumentativ zu entkräften. Dies ist auch mein persönlich präferierter Weg, mit Demagogen umzugehen, ihnen angesichts interessierter Zuhörer*innen die Argumentation zu zerlegen. Aber, um es noch einmal mit aller Deutlichkeit zu sagen, Meinung ist argumentativ satisfaktionsfähig, Hass ist es nicht. Ausgesprochener Hass ist nichts als Gewalt und Gewalt muss leider mit, wohlgemerkt rational dosiert angewandter, Gewalt Einhalt geboten werden. So ist es beispielhaft ein Irrsinn, einen faschistischen Staat, der bereits in Nachbarländer einfällt, mit Vernunftrede und Diplomatie stoppen zu wollen. Wem aber das Recht auf diese Gewalt gegen die Gewalt zukommt, ist Teil einer politischen Diskussion. Ab einem gewissen Punkt, für gewöhnlich ab dem Moment der physischen Gewaltanwendung, muss zweifellos das Monopol beim Staat und seinen Organen liegen. Dies gilt immer, solange sich dieser im Zustand der Rechtsstaatlichkeit befindet. Die Tür einer Studentenverbindung einzutrümmern, um eine Veranstaltung zu unterbinden, ist eine hoheitliche Aufgabe der Polizei, welche diese nur auf offizielle Weisung durch eine weitere politische Instanz, die der Judikative auf der Grundlage sicheren Rechtes tun darf. Steinwürfen gegen Rechtsradikale müssen aufs Schärfste verurteilt und sich von Täterinnen in aller Deutlichkeit distanziert werden. Nur in der Situation unmittelbarer physischer Gefahr auf Leib und Leben von sich und anderer durch einen Aggressor ist die Privatperson zu dieser Art von Gewalt berechtigt.
Anders müssen aber Akte bewertet werden, die ohne körperliche Gewalt Widerstand bedeuten, beispielsweise indem Veranstaltungen von Rechtsradikalen durch passive Gewaltakte wie Sitzblockaden oder Übertönen gestört werden. Wie Kolleg*innen bereits verlautbarten, wurde niemand während der Veranstaltung daran gehindert, an den Redner heranzutreten und das persönliche Gespräch mit diesem zu suchen. Auch wurde der Redner selbst nicht am Sprechen gehindert. Ein Vortrag fand statt, aber es sollte kein Vortrag wie jeder andere sein. Was am 16.05 passiert ist, stellt sich ferner nur als ein entschlossener Akt von Zivilcourage gegen rechte Propaganda heraus. Einer Universität kommt als Veranstaltungsort eine bestimmte expressive Wirkung zu. Der schiere Kontext, dort vom Katheder zu sprechen, nobilitiert den Inhalt dessen, was gesprochen wird, als ein wissenschaftlicher oder zumindest legitimer Beitrag zu einer kulturell wertvollen und konstruktiven Debatte beizutragen. Hass aber muss dieser Kontext nicht eingeräumt werden, denn dies ist gegen das Ideal und Wesen der Institution selbst gerichtet. Wenn es ihm doch wurde, so hat ein solcher Hass aber kein respektvolles, ruhiges Auditorium wie eine gewöhnliche Lehrveranstaltung verdient. So stellte sich eine offene Gesellschaft am 16.05 entschieden ihren Feinden gegenüber.

Zitat: „Weniger bekannt ist das Paradoxon der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“

Karl Popper: The Open Society and Its Enemies. Routledge, London 1945. Deutsche Übersetzung: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1. Francke, Bern 1957; 8., bearb. Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 2003.

Literatur Nachweise:

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde [The Open Society and Its Enemies]. Teil 1: The Spell of Plato. Routledge, London 1945. Auf Deutsch als Der Zauber Platons. Francke Verlag München 1957. Viele weitere Ausgaben. Letzte Ausgabe als 8. Auflage, Mohr, Tübingen 2003

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde [The Open Society and Its Enemies]. Teil 2: The high tide of prophecy : Hegel, Marx and the aftermath. Routledge, London 1945. Auf Deutsch als Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen, Francke, München 1958. Viele weitere Ausgaben. Die letzte: 8. Auflage, Mohr, Tübingen 2003

FW-Stipendienratgeber

Hintergründe und praktische Tipps für die Bewerbung

Die größten Begabtenförderungswerke
Politische Stiftungen
  1. Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD-nahe Stiftung), Besondere Voraussetzungen: Abischnitt besser als 2,0, Anspruch auf BAföG-Höchstsatz, https://www.fes.de/studienfoerderung: Bewerbungsschluss: 01.10.2019
  2. Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU-nahe Stiftung), https://www.kas.de/web/begabtenfoerderung-und-kultur: Bewerbungsschluss: 01.10.2019
  3. Heinrich-Böll-Stiftung (Grünen-nahe Stiftung), Sonderprogramm für Migrant*innen, die mit Schwerpunkt auf Medien studieren, https://www.boell.de/de/stiftung/bewerbung: Bewerbungsschluss: 01.09.2019
  4. Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP-nahe Stiftung), https://www.freiheit.org/stipendien: Bewerbungsschluss: 31.10.2019
  5. Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linken-nahe Stiftung), Sonderprogramm für Studierende ohne akademischen Familienhintergrund, https://www.rosalux.de/stiftung/studienwerk/: Bewerbungsschluss: 01.10.2019
  6. Hanns-Seidel-Stiftung (CSU-nahe Stiftung), https://www.hss.de/stipendium/: Bewerbungsschluss: 30.11.2019
  7. Hans-Böckler-Stiftung (Gewerkschaftsnahe Stiftung), https://www.boeckler.de/112003.htm: Bewerbungsschluss: 01.08.2019
  8. Stiftung der Deutschen Wirtschaft (Wirtschaftsnahe Stiftung), Besondere Voraussetzungen: Noten im oberen Drittel des Leistungsspiegels des Fachbereichs, https://www.sdw.org/das-bieten-wir/fuer-studierende/: Bewerbungsschluss: April 2020
Religiöse Stiftungen
  1. Cusanuswerk (Katholische Stiftung), Besondere Voraussetzungen: Mitgliedschaft in der katholischen Kirche, https://www.cusanuswerk.de/bewerbung/studierende/: Bewerbungsschluss: 24.07.2019
  2. Evangelisches Studienwerk Villigst (Evangelische Stiftung), Besondere Voraussetzungen: Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche (Ausnahmen möglich), https://www.evstudienwerk.de/bewerbung/studium/unser-stipendium.html: Bewerbungsschluss: 01.09.2019
  3. Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk (Jüdische Stiftung), Besondere Voraussetzungen: Zugehörigkeit zu jüdischer Gemeinde oder Studium jüdischer Studien, https://eles-studienwerk.de/foerderung/studierendenfoerderung/: Bewerbungsschluss: 01.12.2019
  4. Avicenna-Studienwerk (Muslimische Stiftung), Besondere Voraussetzungen: Zugehörigkeit zu einer muslimischen Gemeinde, http://www.avicenna-studienwerk.de/: Bewerbungsschluss: 01.10.2019
Andere
  1. Studienstiftung des Deutschen Volkes (Weltanschaulich „unabhängige“ Stiftung), Besondere Voraussetzung: Zulassung zum Bewerbungsverfahren idr. durch Vorschlag, Selbstbewerbung nach erfolgreichem Auswahltest möglich, https://www.studienstiftung.de/studienfoerderung/: Nächste Anmeldephase: Januar 2020
Tipps für die Bewerbung
  • Noten sind nicht alles. Begabtenförderung ist nicht 1,0-Abiturient*innen vorbehalten.
  • Keine Scheu bei den Gutachten. Für Professor*innen ist die Bitte um ein Gutachten idr. nichts Neues.
  • Kein Understatement. Zeigt euch in eurer Bewerbung ambitioniert. Bedenkt aber, dass ihr im persönlichen Gespräch glaubwürdig bleiben müsst.
  • Gleichzeitige Bewerbungen bei verschiedenen Stiftungen machen euch unglaubwürdig, vor allem, wenn diese weltanschaulich sehr verschieden sind.
  • Für die Bewerbung bei den parteinahen Stiftungen bedarf es keiner Parteimitgliedschaft. Nur deren Grundwerte solltet ihr teilen.
  • Einige Studienwerke bevorzugen Bewerber*innen aus unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen. Studienförderung ist kein Privileg für schon Privilegierte.
  • Engagiert euch! Besonderes gesellschaftliches Engagement ist nicht nur eine gute Sache, sondern hebt euch bei der Bewerbung um ein Stipendium hervor.
  • Abgelehnt werden ist keine Schande. Die Bewerbungsverfahren enthalten einige Unwägbarkeiten und können es nicht leisten, jeden so zu bewerten, wie es ihm*ihr angemessen wäre.
  • Nutzt den Bewerbungsprozess, um über euch und eure Ziele zu reflektieren und für später zu lernen.

Das Stipendium ist eine der interessantesten Möglichkeiten zur Studienfinanzierung. Doch leider versuchen nur wenige Studienanfänger*innen in eines der vielen Förderungswerke aufgenommen zu werden. Das liegt nicht selten an falschen Vorstellungen darüber, auf was es den Förderungswerken ankommt, und oft auch an zu wenig Glauben der Studierenden, im Bewerbungsverfahren überhaupt eine Chance zu haben. Dieser Artikel soll euch einen Überblick darüber verschaffen, was ein Stipendium für Vorteile bringt, welche großen Förderungswerke es gibt und auf was es bei der Bewerbung ankommt.

Wer vergibt Stipendien?

Zusammengenommen sind die vielen Stipendienangebote kaum überschaubar. Neben den aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten Stipendien gibt es noch eine lange Reihe privater Förderungen, die manchmal auch nur aus ideeller Förderung bestehen. Bei Stipendien sind zwei Arten der Förderung zu unterscheiden: Die materielle und die ideelle. Die materielle Förderung sind Geldwerte oder auch Sachwerte, die Studierenden während ihrer Studienzeit zur Verfügung gestellt werden. Das können Studienkostenpauschalen, Reisekostenpauschalen oder die Übernahme von BAföG-Zahlungen sein. Materielle Förderung ist häufig verknüpft mit ideeller Förderung. Bei den großen Studienwerken besteht die ideelle Förderung vor allem in der Möglichkeit, Seminare, Workshops und Fortbildungen des Studienwerks zu besuchen. Zusätzliche Angebote zur Studienberatung oder Kontakte zur anderen Studierenden und Wissenschaftler*innen fallen auch unter die Kategorie der ideellen Förderung.

Im Folgenden soll der Fokus vor allem auf die großen Studienwerke gelegt werden. Im Grunde verteilen sie Mittel, die ihnen aus dem Haushalt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zugeteilt werden. Jedes der Begabtenförderungswerke hat eine eigene Zielgruppe, die sich an der weltanschaulichen Ausrichtung des Förderungswerks bestimmen lässt. So gibt es jeweils eine Stiftung für die großen monotheistischen Religionen, also für den Islam, das Judentum, den Protestantismus und den Katholizismus. Außerdem hat jede Partei das Recht, sofern sie zwei zusammenhängende Legislaturperioden im Bundestag saß, eine Parteistiftung zu gründen, die dann Stipendien vergibt. Weiter gibt es die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung und die wirtschaftsnahe Stiftung der Deutschen Wirtschaft.

In die Förderung einer dieser Stiftungen aufgenommen zu werden setzt natürlich eine Affinität zu deren weltanschaulicher Ausrichtung voraus. Für die religiösen Stiftungen etwa ist Religionszugehörigkeit entscheidend, die parteinahen Stiftungen möchten Stipendiatinnen die ihre Grundwerte teilen. Ein häufiges Vorurteil ist jedoch, dass Parteizugehörigkeit Voraussetzung für die Aufnahme in die parteinahen Stiftungen sei. Das stimmt nicht; je nach Stiftung kann das sogar hinderlich sein (wenn die Stiftung zum Beispiel gerade nach mehr Unabhängigkeit strebt). Wichtig ist, dass ihr glaubwürdig klarmachen könnt, dass es den Werten der Stiftung nutzt, euch in die Förderung aufzunehmen. Wer etwa vor hat, nach seinem Studium in nachhaltigen Wirtschaftszweigen zu arbeiten oder zu ökologischen Themen zu forschen, der kann bei der Heinrich-Böll-Stiftung (Näher zu den Grünen) sehr gut aufgehoben sein. Bestimmend ist die weltanschauliche Ausrichtung einer Stiftung auch für die Gestaltung der ideellen Förderung. Die Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP-nah) wird mehr Seminare über Start-Up-Gründungen anbieten, während bei den religiösen Stiftungen eher religiöse Themen auf dem Programm stehen werden (logisch, nicht?).

Wurdet ihr von einer Studienstiftung aufgenommen, so winken euch die vielen Vorteile der Förderung. Das Ausmaß der Förderung unterscheidet sich zwischen den BMBF-geförderten Studienwerken nur im Detail. Vor allem die materiellen Förderungen ähneln sich sehr. Jede der Stiftungen zahlt euch euren BAföG-Satz, wenn ihr darauf Anspruch habt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Am Ende des Studiums müsst ihr nichts zurückzahlen. Ganz unabhängig von eurem BAföG-Anspruch gibt es eine sogenannte Studienkostenpauschale. Das sind 300 € im Monat, die ihr noch zusätzlich bekommt. Der Betrag ist nicht zweckgebunden, wird aber optimalerweise studienfördernden Zwecken zugeführt. Obendrauf gibt es noch die Möglichkeit, Auslandszulage und Reisekostenpauschale zu beantragen, wenn ihr Auslandssemester macht. Je nach Studienort sind das circa 280 € im Monat. Diese gibt es aber für maximal ein Jahr Auslandsstudium während eurer gesamten Studienzeit.

Die ideelle Förderung besteht vor allem in Wissenstransfer unter den Stipendiat*innen und von der Stiftung an die Stipendiat*innen. So finden sich in den Veranstaltungsprogrammen Rhetorikworkshops, verschiedene Arbeitskreise zu aktuellen wissenschaftlichen Debatten oder gar Stipendiat*innen-Campus, auf denen mehrere Tage eine große Bandbreite verschiedener Workshops angeboten werden. Bei allen Stiftungen gibt es auch einen Grad studentischer Selbstbeteiligung. Die besteht zumeist in der Möglichkeit für Stipendiat*innen selbst Arbeitsgruppen oder Seminare zu organisieren und mit finanzieller Unterstützung der Stiftung durchzuführen. Die Stipendiat*innen sind Teil der Auswahlkommissionen für Neubewerberinnen, bei einigen Stiftungen wählen sogar allein Stipendiat*innen die Neuen aus.

Praktische Tipps für die Bewerbung – Voraussetzungen und Verlauf

Die Voraussetzungen zur Bewerbung bei den verschiedenen Förderungswerken unterscheiden sich je nach weltanschaulicher Ausrichtung. Das Avicenna-Studienwerk etwa fördert nur Muslim*innen, der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung ist der tatsächliche ökonomische Bedarf wichtig, weswegen sie nur Studierende fördert, die Anspruch auf BAföG-Höchstsatz haben. Einige Stiftungen versuchen vor allem Angehörige gesellschaftlicher Gruppen zu fördern, die sonst wenig Repräsentation genießen. Das sind Frauen, Menschen mit Migrationshintergund, Bildungsaufsteiger*innen oder auch Menschen mit Behinderung. Die Stiftungen beziehen den sozio-ökonomischen Hintergrund der Bewerber*innen in ihrem Auswahlverfahren mit ein. Die Stiftungen wissen, dass ein guter Abitur-Schnitt für Bildungsaufsteiger*innen schwerer zu erreichen ist als für Akademiker*innenkinder.

Noten sind für die Bewerbung bei Förderungswerken aber ohnehin nicht alles. Zwei weitere wichtige Punkte sind gesellschaftliches Engagement und Ambition. Begabtenförderungwerke sind keine caritativen Einrichtungen. Sie fördern nicht (nur) aus altruistischer Motivation, weil sie möglichst vielen jungen Leuten ein Studium ermöglichen wollten. Sie fördern vor allem, um später Multiplikator*innen für die eigene Weltsicht zu haben. Und für Multiplikation gilt: Je einflussreicher desto besser. Wer also im Bewerbungsprozess glaubhaft versichern kann, dass ersie eine einflussreiche gesellschaftliche Position einnehmen will und das auch schaffen kann, wird bessere Chancen haben. Deswegen gilt für den ganzen Bewerbungsprozess: Kein Understatement! Ihr müsst euch so gut wie möglich darstellen und eure Entscheidungen mit Inhalt füllen können. Für eine Person, die nicht glaubhaft erklären kann, wieso sie ihr Fach studiert, wird es in den selteneren Fällen einen positiven Bescheid geben. In der ersten Bewerbungsphase habt ihr bei den meisten Studienwerken noch die Möglichkeit genau zu überlegen, wer ihr sein wollt und wo ihr mit eurem Studium hin möchtet.

Die erste Bewerbungsphase besteht meistens im Ausfüllen eines Bewerbungsbogens oder im Schreiben eines Motivationsschreibens. Wichtig ist: Eure Erläuterungen zu den gestellten Fragen müssen ein besonders positives Licht auf euch werfen. Ihr müsst allerdings immer bedenken, dass ihr in den späteren Bewerbungsphasen den positiven Eindruck über euch halten müsst. Und in diesen lernen euch die Leute persönlich kennen, die später über euren Bescheid entscheiden. Fällt ihnen auf, dass Geschriebenes und Gesprochenes zu weit auseinanderklaffen, fällt das nicht gut auf euch zurück. Bei den meisten Studienwerken müsst ihr zweimal durch persönliche Gespräche. Das sind beispielsweise Gespräche mit Vertrauensdozentinnen sowie ein Vorsprechen bei der Auswahlkommission. Manchmal gibt es Bewerbungsworkshops mit anderen Bewerberinnen, bei denen Teamfähigkeit geprüft wird. Tendenziell gilt: Je kleiner das Förderungswerk, desto geringer die Konkurrenz und desto “einfacher” das Bewerbungsverfahren. Danach könnt ihr euch allerdings schwerlich die Stiftung aussuchen, wenn sie nicht auch weltanschaulich zu euch passt. Ein wertvoller Hinweis ist: Die Förderungswerke tauschen sich untereinander darüber aus, wer sich bei wem beworben hat. Bewerbt ihr euch gleichzeitig bei der Rosa-Luxemburg- (Linken-nah) und der Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU-nah), werdet ihr in Erklärungsnot geraten.

Für jede Bewerbung braucht ihr übrigens Gutachten. Das sind in der Regel zwei. Eines, das euch herausragendes gesellschaftliches Engagement bescheinigt und ein weiteres, in dem eine ehemalige Lehrkraft oder eine dozierende Person eure Studieneignung bezeugt. Wer sich direkt nach dem Abitur bewirbt, hat es so erst einmal einfacher. Neu an der Uni ist es eine große Hürde, an ein Dozierenden-Gutachten zu kommen, vor allem weil erwartet wird, dass dieses von ordentlichen Professor*innen geschrieben wurde. Gerade von der Schule abgegangen, reicht noch ein Gutachten von Lehrer*innen. In der Regel muss dann aber nach zwei Semestern ein Dozierenden-Gutachten nachgereicht werden. Für diese gilt: Weg mit der Scheu! Für Professor*innen oder andere Dozent*innen wird es nicht das erste Mal sein, dass sie um ein Gutachten gebeten werden. Sie sind sich in der Regel darüber bewusst, dass sie euch nach zwei Semestern noch nicht gut kennen. Die meisten werden euch trotzdem ein Gutachten schreiben, wenn ihr etwa durch ein persönliches Gespräch überzeugen könnt. Oder einfach weil ihr ihnen sympathisch seid.

Das Ehrenamts-Gutachten holt ihr euch beispielsweise von den Vorsitzenden eures Sportvereins, von dem Pfarrer oder der Pfarrerin eurer Gemeinde oder den örtlichen Parteivorsitzenden. Habt ihr euch in Verbänden durch ehrenamtliches Engagement hervorgetan, ist ein wohlwollendes Gutachten sehr wahrscheinlich. In welchem Feld ihr euch ehrenamtlich betätigt habt ist formell egal. Ihr könnt euch auch mit Engagement in der Kirche bei einer Parteistiftung bewerben und umgekehrt. Optimalerweise zeigt sich in eurem Engagement aber schon eure Affinität zur Weltanschauung der jeweiligen Stiftung.

Doch auch wenn es mit der Bewerbung bei einer Studienstiftung nicht klappt: Durch das Bewerbungsverfahren gegangen zu sein, ist nicht zwingend umsonst. Die Fragestellungen regen tiefere Reflexion über die eigene Person und über die Studienplanung an. So könnt ihr vielleicht Erkenntnisse darüber mitnehmen, wo ihr mal hinwollt. Die Bewerbungsgespräche bieten eine gute Möglichkeit, um für spätere Bewerbungsgespräche zu üben und zum eigenen Auftreten Feedback zu bekommen.


Es gilt: Durch eine Bewerbung bei einem Förderungswerk kann man allenfalls etwas Selbstbewusstsein verlieren. Und auch das ist meistens unbegründet. Nicht in die Förderung aufgenommen zu werden, heißt nicht zwingend, dass man “zu schlecht” ist, sondern in den meisten Fällen einfach, dass die Stiftung nicht zu einem passt. Also: Versucht es einfach!

Alle Angaben ohne Gewähr

Des Friedrichs Wilhelm Nr. 48

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Die neue Ausgabe des FW ist erschienen und wir möchten sie euch selbstverständlich auch als Webversion zugänglich machen. Es erwarten euch unter anderem Artikel rund um das Thema Studienfinanzierung, Geschlechterrollen im Männerfußball und einiges mehr.

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Kosten und Nutzen

Ein Erfahrungsbericht von Hendrik Schönenberg

In den Semesterferien oder zu Beginn des neuen Semesters trifft es jeden Studierenden. BASIS wird geöffnet, der Studienverlaufsplan rausgeholt, das Modulhandbuch herausgekramt. Welche Veranstaltungen muss ich im nächsten Semester belegen? Welche Voraussetzungen gibt es? Welche Prüfungsleistung? Wann liegen die Veranstaltungen? und so weiter und so fort…. Jeder kennt dieses Spiel mit dem neuen Stundenplan. Dabei sind einige Regelungen von Fach zu Fach stark verschieden. Mediziner haben sehr wenig Auswahlfreiheit während in Fächern wie Germanistik die Module in nahezu beliebiger Reihenfolge, im Winter- wie Sommersemester belegt werden können. Klar ist jedoch: Was in der Prüfungsordnung steht, das gilt. Da kann man mit den Füßen stampfen, in Tränen ausbrechen und in Rage verfallen. Letztlich muss man sich geschlagen geben.

Eine ganz ähnliche Reaktion war an meiner eigenen Person zu beobachten, als in meinem eigenen Modulplan „Modul: Wirtschaft“ zu lesen war. Wirtschaft – nicht unbedingt mein liebstes Thema, aber es könnte doch ganz interessant werden und mir sicher weiterhelfen, so dachte ich bei mir. Tja. So kann man sich irren.

Wie vorgeschrieben gab ich in der ersten Woche meinen Antrag auf dieses Exportmodul ab und fand mich prompt am Juridicum wieder. Modul: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Ein sehr beliebtes Exportmodul. Von Politologen bis Mathematikern und Juristen fanden sich neben der überwiegenden Mehrheit aus VWL-Studierenden im ersten Semester auch viele Nebenfächler in Hörsaal C ein. So auch ich: Lehramt Sozialwissenschaften. Der einzige Unterschied: Für uns ist VWL nicht frei wählbar. Zwei VWL Module sind Pflicht für alle (Grundzüge der VWL und Makroökonomik B).

„Grundsätzliches Verständnis der mikro- und makroökomischen Prinzipien“, so lautet das erste Lernziel für Grundzüge der VWL im Modulhandbuch. Weder an dieses noch an eines der anderen Lernziele kann ich nach dem Semester einen Haken setzen. Trotz hunderter Stunden am Juridicum und der Arbeit mit den eCampus-Materialien bleibt das Gefühl, nichts gelernt und nichts verstanden zu haben.

Natürlich kann der engagierte Volkswirt hier entgegenhalten, das läge eben an meinem mangelhaften mathematischen und logischen Verständnis und meiner Weigerung, mich wirklich auf das Thema einzulassen. Schlicht an meiner grundsätzlichen Abneigung. Sicherlich Einwände, die ihre Berechtigung haben. Aber nehmen wir doch mal ein paar allgemeine Struktureffekte in den Blick, institutionelle Effekte, die nicht nur mich als Person beeinflussen. Schwächen des Systems.

Es beginnt bereits mit dem System der Tutorien. Mikro- und Makroökonomik wechseln sich dabei nämlich wöchentlich ab, was zur Folge hat dass der Studierende nie auf dem gleichen Stand mit dem Tutorium ist. Oder umgekehrt: die Tutorien machen immer zwei Wochen lang das gleiche. Für sich kein Problem, kann ich doch so ein weiteres besuchen, wenn ich es nicht beim ersten Mal gecheckt habe. Richtig. Allerdings ist der Stoff des Tutoriums nie synchron mit dem der Vorlesung. Die Hälfte der Aufgaben gehören erst in zum Vorlesungsstoff der kommenden Woche. Wie soll ich so die Aufgaben vorher bearbeiten? Erst recht, wenn sie nur zwei oder drei Stunden vor dem Tutorium hochgeladen werden?

Der normale VWLer hört neben dem Grundzüge Modul auch noch BWL-Module und Mathematik Kurse. Alles Wissen, was auch bei Grundzüge mitreinspielt und nicht zuletzt sind Mathematikkenntnisse auch in Grundzüge von großer Bedeutung. Wird für die Nebenfächler dieser ganz natürliche Wissensmangel in irgendeiner Form kompensiert? Mit einem extra Tutorium als freiwilligem Angebot vielleicht? Fehlanzeige. Jeder muss schauen, wo er bleibt…im Zweifelsfall auf der Strecke.

Und was steht am Ende des Semesters? Business as usual: eine Klausur. Eine scheinbare unüberwindbare. „Aber machen sie sich keine Sorgen“, sagten die Professoren im Oktober, „sie müssen in der Klausur absolut nichts rechnen“. Ein Satz, der wirklich Hoffnung machte. Im Zuge der Veranstaltungen, besonders der Tutorien, bezweifelten wir jedoch, dass es so einfach sein würde – sah es doch am Ende jeder Sitzung so aus, als hätte ein formelwütiger Mathematiknobelpreisträger sich an der Tafel vergangen. Aber der Prof. hatte es gesagt…oder nicht?…also musste es ja stimmen.

Kurz vor der Klausur dann erreichte uns eine verwirrende Nachricht: Bitte bringen sie einen Taschenrechner zur Klausur mit. Sie werden verstehen, denke ich, dass ich skeptisch wurde. Und nach der Durchsicht einiger Altklausuren dann die erneute Ernüchterung: Rechnen mussten wir nicht, wir mussten keinen Rechenweg durchführen, keine Formeln oder Zwischenschritte notieren. Die ganze Klausur bestand aus Multiple Choice. Allerdings vergaßen unsere Lehrenden zu erwähnen, dass auch durchaus eine mathematische Aufgabe auftauchen kann und vier Brüche oder Kommazahlen die Antworten sind. Die Prüflinge müssen also nicht rechnen, nein, aber sie müssen aus einer Rechenaufgabe eine richtige Rechenantwort ableiten. Manche würden sagen, das ist rechnen. Für die Dozierenden der Volkswirtschaftslehre offensichtlich nicht.

In der Klausur ein weiterer Schockmoment: die Altklausuren waren wesentlich einfacher. Das ist also gute Klausurvorbereitung an der Staatswissenschaftlichen Fakultät. Eine Klausur, die übrigens die absolut gleichen Anforderungen für alle hat. Keine Verkürzung oder Erleichterung für Studierende anderer Fächer.

Wie kommt das Drama also zu seinem Ende? Die Klausur ist bestanden. Das Wissen fehlt. Bulimie-Lernen wie es im Buche steht. Aber an einer echten, kritischen Auseinandersetzung mit dem Stoff ist niemand interessiert.

Im nächsten Semester muss ich ein weiteres VWL-Modul belegen, Makroökonomik B. Ein Modul was der „normale VWL Student“ im 4. Semester hat, nachdem er unter anderem Makroökonomik A bestanden hat. Lehramtsstudenten, deren zweites Fach vielleicht nicht auch nur im Ansatz mathematisch oder naturwissenschaftlich ist, kann Makro B aber bestimmt trotzdem bestehen. Nach einem einzigen Modul. Dem allerersten in VWL. Und ohne Makro A. Jedem objektiven Beobachter dürfte klar sein: „Ja, da stehen die Chancen doch sicher extrem gut“.

Wie ich eingangs erwähnte, wählen viele Studierende anderer Fächer VWL als Exportmodul. Warum reite ich dann so auf den Lehramtsstudierenden rum? Die Antwort ist einfach. Wir sollen im Rahmen der Sozialwissenschaftlern Kindern wirtschaftliche Prozesse wenigstens in ihren Grundzügen erklären. Wir sollen die zukünftigen Generationen von Schülern mit der Wirtschaft und ihren Mechanismen in Kontakt bringen. Oft wird davon berichtet, dass Schülerinnen und Schüler keine Ahnung von Wirtschaft hätten. Wirtschaft und Ökonomie sollte ein eigenes Fach werden, argumentieren einige Ökonomen. Selbst die aktuelle schwarz-gelbe Landesregierung hat das eigene Fach Wirtschaft auf ihrem Programm. Es soll in NRW in den kommenden Jahren eingeführt werden.

Dabei zeigt meine Erfahrung mit der VWL in Bonn doch vor allem eines, nämlich dass die Probleme nicht erst in der Schule anfangen. Nach dem vergangenen Semester in den Katakomben des Juridicums fühle ich mich nicht darauf vorbereitet, Kindern dieses Fach näher zu bringen. Und das wird sich mit einem weiteren Modul, das in noch undurchsichtigere wissenschaftliche Untiefen abdriftet, sicher nicht ändern. Wie soll ich etwas unterrichten, was mir selbst nicht gut beigebracht wurde?

Naheliegend wäre deshalb, meiner persönlichen Meinung nach, nicht nur ein Überdenken des Studienverlaufsplans und ein wirkliches Angebot an Veranstaltungen auch für Studierende andere Fächer, sondern eine Änderung der gesamten Grundhaltung gegenüber den Studierenden anderer Fächer. Ein bloßes „Friss oder stirb!“ reicht definitiv nicht. Offensichtlich liegen für die Volkswirte die Kosten dafür jedoch eindeutig über dem Nutzen.  

Des Friedrichs Wilhelm Nr. 46

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